Like mother like father

Es ist mal wieder so weit. Ich schaffe es zwar oftmals monatelang meine Empörung im Zaum zu halten, aber irgendwann bricht sie aus mir heraus und entlädt sich meist in einem blumigen Monolog über Geschlechterrollen, Arbeitsteilung und fehlende Gleichberechtigung im Allgemeinen. Kürzlich las ich dieses Interview in der FAZ, in dem sich Geschlechterforscherin Paula-Irene Villa zu den Themen Erwerbstätigkeit bei Müttern und die Mühen der geteilten Elternschaft äußert, und nickte dabei ununterbrochen. 

Auch in meinem Freundeskreis gibt es einen Haufen Väter, die gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten. Solche, die die Wochenenden komplett ins Zeichen der Familie setzen. Solche, die sich immer ein bisschen schuldig fühlen, weil sich der frühe Feierabend abermals nicht verwirklichen lies und sie deswegen erst nach Hause gekommen sind, als die Kinder schon lange schliefen. Solche, die gerne Elternzeit nehmen und für eine kurze Zeit aus dem Beruf aussteigen wollen.

Leider ist das nicht genug! Im zweiten Quartal 2017 verzeichnete das statistische Bundesamt insgesamt knapp 956.000 Beziehende von Elterngeld. Lediglich 140.000 davon waren Männern. Und als wäre das allein noch nicht erschreckend genug, nehmen von diesen 140.000 Männern über 60% nur zwei oder weniger Monate Elternzeit in Anspruch. Grund dafür ist oftmals schlicht und ergreifend die Gesetzeslage. Einem Elternpaar stehen insgesamt 14 Monate Elterngeld zu, allerdings darf ein Elternteil (sofern es zwei gibt) davon nur maximal 12 Monate in Anspruch nehmen. Möchte man also das gesamte Elterngeld für ein Kind beziehen, MUSS der zweite Elternteil auch mindestens zwei Monate in Elternzeit gehen.

Fast ist man dazu geneigt laut „Bravo“ zu rufen und zu applaudieren, denn immerhin sah das vor einigen Jahren noch ganz anders aus. Da war es undenkbar, dass auch der Mann sich an der Erziehung beteiligt, geschweige denn für kurze Zeit aus seinem Job aussteigt und sich voll und ganz der Familie widmet. Meine Oma hat dafür erst kürzlich den Beweis erbracht. Als wir gesammelt bei ihr eintrudelten, um ihren Geburtstag zu feiern, war sie ganz verzückt davon, wie mein Freund mit unseren Kindern spielte. Ihre Begeisterung steigerte sich ins Unermessliche, als er mir anbot, mich kurz hinzulegen. Wir hatten zu dem Zeitpunkt noch eine sechsstündige Autofahrt vor uns, die ich komplett alleine bewältigen musste, aber das spielte dabei keine Rolle. Er konnte sich vor Lob und Anerkennung kaum noch retten und wusste selbst nicht so recht wie ihm geschah.

Zwar hat meine Oma natürlich voll und ganz Recht damit, dass Peter ein unheimlich toller Vater ist, nichts desto Trotz ist es in meinen frischen 26-jährigen Augen doch seltsam, dass Mütter für genau die selbe Arbeit selten Applaus bekommen. Denn immerhin sind die restlichen knapp 816.000 Bezieher von Elterngeld Frauen. Frauen, die davor in der Regel auch einen Job hatten, aus dem sie nun aussteigen, nur eben weitaus länger. Über 95% dieser Anträge hatten eine voraussichtliche Bezugsdauer von zehn oder mehr Monaten. Gleichberechtigung sieht anders aus, oder nicht?

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Frau Villa spricht in dem oben verlinkten Interview von einer starken Retraditionalisierung, wenn das Kind erst einmal auf der Welt ist und für mich trifft sie damit voll ins Schwarze. Viele meiner Freundinnen, die vorher mit Sicherheit andere Pläne hatten als jahrelang vom Arbeitsmarkt zu verschwinden, haben ganz bewusst, gemeinsam mit ihrem Partner, die pragmatische Lösung des „Alleinernährers“ gewählt. Häufig nicht zuletzt dadurch bedingt, dass er schlicht und ergreifend mehr verdient, und man somit leichter auf einen Teil ihres Gehaltes verzichten kann. Irgendwie kann man das auch nachvollziehen und ich gestehe, dass auch wir bei unserem ersten Kind diese klassische Wahl getroffen haben.

Ich war 24 Jahre alt, als ich meinen ersten Antrag auf Elterngeld stellte und übte einen Beruf aus, der mir schon seit einiger Zeit keinen großen Spaß mehr machte. Für mich war klar: ich würde nicht in diesen Job zurückkehren. Unter keinen Umständen… Meine erste Elternzeit nutzte ich daher nicht nur, um in meiner Rolle als Mutter anzukommen, sondern auch, um mir einen Job zu suchen, in dem ich Vollzeit arbeiten konnte, ohne allzu viel von meinen Kindern zu verpassen. Ich suchte nach einem Arbeitgeber, der mir Flexibilität einräumte und einen Job anbot, der mir lange Spaß machen sollte. Bei all dem unterstützte mich mein Freund voll und ganz. Er selbst ist selbstständig und ganz und gar Herr seiner Zeit. Seine Flexibilität gab mir Mut und seine Zuversicht nahm mir jegliche Zweifel. Knapp neun Monate nach Johannas Geburt fand ich die passende Stelle, bewarb mich und bekam den Job.

Ich habe es neben Peter nicht zuletzt zwei wundervollen Chefinnen und einem unheimlich tollen Team zu verdanken, dass meine Zeit als „working mum“ so erfüllend wurde. Wenn ich einmal früher gehen musste, weil die Kleine kränkelte, dann wünschten sie alle mir viel Erfolg. Und als ich nach einigen Monaten schon meine erneute Schwangerschaft verkündete, freuten sich alle mit mir. Selbst als die üblen Begleiterscheinung dieser Schwangerschaft mehr und mehr dafür sorgten, dass ich ausfiel, hatte ich das Verständnis aller auf meiner Seite, wofür ich noch heute unendlich dankbar bin.

Für mich stand daher fest: sollte ich nach Baby Nr. zwei körperlich dazu in der Lage sein, würde ich auf jeden Fall früher in meinen Job zurückkehren – in Vollzeit. Noch schreibe ich diese Zeilen zwar als Frau in Elternzeit, aber diese Tage sind gezählt. Am 1.12. gehe ich zurück. Zurück in meinen Job, der mich erfüllt, weil er mich jeden Tag aufs Neue fordert, aber auch fördert. Zurück zu meinem Team, in deren Reihen ich zur „working mum“ wurde. Und zurück zu zwei unglaublich verständnisvollen Chefinnen, die die Besten waren (und sicherlich noch sind), die ich je hatte.

Damit habe ich für Baby Nummer zwei schlussendlich lediglich 4,5 Monate Elternzeit genommen. Den Rest wird Peter nehmen, wenn seine Geschäfte es zulassen. Dass wir das so einfach machen können, hängt sicherlich mit seiner Selbstständigkeit und der damit einhergehenden Flexibilität zu tun. Es wäre auf jeden Fall nicht so einfach, wenn auch er fest angestellt wäre. Nichts desto Trotz weiß ich, dass ich auch unter anderen Umständen für meinen Job gekämpft hätte. Und ich weiß, dass mein Freund seinerseits für die Zeit mit seinen Kindern gekämpft hätte. Es wäre sicher nicht leicht gewesen, aber die geteilte Elternschaft ist für uns das einzig wahre und richtige Modell.

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich bewundere Frauen, die bewusst die Mutterrolle übernehmen und darin voll und ganz aufgehen, ich bin nur leider keine von ihnen. Ich brauche die Anerkennung, die ich im Job bekomme. Ich brauche Projekte, die mich geistig anders fordern, als es meine Kinder tun. Ich brauche schlicht und ergreifend meinen Job. Und dass dieser gut bezahlt wird, ganz im Gegensatz zur Mutterschaft, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Aber diese gesellschaftliche Ungerechtigkeit füllt noch einmal ein ganz anderes Blatt…

Die gesamte Statistik zum Elterngeld vom Statistischen Bundesamt, die Grundlage für diesen Artikel war findet ihr hier

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