Giving birth die Zweite

Nichts im Leben ist für eine Frau (und wahrscheinlich auch für einen Mann) so einschneidend wie eine Geburt. Ich hatte davon nun jetzt schon zwei und bin immer noch unheimlich fasziniert davon, zu was unsere Körper in der Lage sind. Da wächst ein richtiger kleiner Mensch in dir heran und du alleine trägst dafür Sorge, dass er ordentlich gedeiht. Und wenn es dann so weit ist, kommt dieser kleine Mensch schwuppdiwupp (naja, mal mehr, mal weniger) durch eine winzige Körperöffnung raus.

Wahnsinn, oder?

Meine erste Geburt war so semigeil. Prinzipiell war ich sehr viel aufgeregter, weniger intuitiv und wir als Paar auch noch nicht so wirklich eingespielt. Nachlesen könnt ihr das gerne hier im Mummy-Mag, denn heute soll es um meine zweite Geburt gehen. Die war nämlich super, die heilende Geburt, wie sie meine wundervolle Hebamme Lena genannt hat.
Und damit sind wir auch schon bei dem aller wichtigsten Punkt, den diese Geburt von der ersten unterscheidet: ich hatte eine Hebamme, eine Beleghebamme sogar.

Für diejenigen unter euch, die nicht wissen, was eine Beleghebamme genau ist, erklär ich das mal kurz. Es gibt Hebammen, die fest im Krankenhaus angestellt sind und im Schichtsystem Babies zur Welt bringen. Eine solche hat mir bei Geburt Nummer eins geholfen, bzw. vier davon, denn so eine Geburt dauert nun einmal einige Stunden und die Babies scheren sich einfach nicht um Pausen, Schichtwechsel und Feierabende. Dann gibt es noch freiberufliche Hebammen, die in meinen Augen unendlich wichtig sind für unsere Gesellschaft. Freiberufliche Hebammen können beispielsweise im Geburtshaus arbeiten, Hausgeburten anbieten oder einen Vertrag mit einem Krankenhaus eingehen und sogenannte Beleggeburten anbieten. Für das Letztere habe ich mich entschieden. Ich wollte auf der einen Seite die Sicherheit haben, jederzeit Ärzte in der Nähe zu haben und ggf. eine PDA zu bekommen, auf der anderen Seite gerne von nur einer Hebamme betreut werden. Und zwar von einer, die ich kenne und der ich vertraue – eben Lena.

„Jede Frau sollte die Möglichkeit haben, so zu gebären wie es für sie am besten ist!“

Eine Beleghebamme begleitet dich in der Regel schon einige Wochen vor Entbindung und übernimmt auch danach die Wochenbettbetreuung. In meinen Augen ist das die einzig wahre Betreuungsmethode, denn nur so kann man sicher sein auch zu harmonieren, wenn es dann ans Eingemachte geht. Leider ist die Berufsgruppe dank stetig steigender Versicherungsbeiträge enorm gefährdet. Wenn ihr etwas dagegen unternehmen wollt, kann ich euch nur diese Petition hier ans Herz legen. Jede Frau sollte die Möglichkeit haben so zu gebären wie es für sie am besten ist! Und jede Frau, die es möchte, sollte dafür auch die Unterstützung bekommen, die sie dazu braucht.

Dass ich Lena gefunden habe, gleicht einem Sechser im Lotto. Ich hatte bei drei Hebammen bezüglich der Wochenbettbetreuung angerufen, aber keine hatte Platz. Als Lena sich dann bei mir meldete und sagte sie mache Wochenbettbetreuung nur in Kombination mit einer Haus- oder Beleggeburt, musste ich erstmal einen kleinen Freudenschrei unterdrücken. Wir trafen uns  dann an meinem Geburtstag zum ersten Mal und für mich stand sofort fest: mit ihr oder mit niemandem! Manchmal hat man eben einfach Glück.

Wir trafen uns also von da an regelmäßig, um über unsere Vorstellungen zu sprechen und dem Termin gemeinsam entgegen zu fiebern. Und als der Termin dann endlich da war… passierte rein gar nichts. Mal wieder. Kind Nr. 1 hatte sich schon ganze 14 Tage Zeit gelassen. Das wollte ich bei Kind Nr. 2 auf jeden Fall verhindern und so nahm Lena 4 Tage nach errechnetem Termin die erste Eipollösung vor. Das ist eine Methode, um die Geburt auf natürliche Weise einzuleiten. Man (also Hebamme oder Frauenärztin) massiert dabei den Muttermund auf eine solche Art und Weise, dass sich die Eihäute vom Rand der Gebärmutter lösen. Es ist leicht schmerzhaft, geht aber noch… und es löst in vielen Fällen innerhalb von 48 Stunden Geburtswehen aus.
Leider nur nicht in diesem, denn außer einem weiteren Fehlalarm am Donnerstag Abend passierte nichts.

Ziemlich desillusioniert fuhren wir am Freitag zu unserem ersten Kontrolltermin im Krankenhaus. Lena sollte uns begleiten, empfing uns aber schon direkt vor Ort. Sie hatte die Nacht davor einen kleinen Jungen auf die Welt geholt und hätte unsere Geburt, wäre sie denn tatsächlich am Abend vorher los gegangen, gar nicht betreuen können. Ich bin bis heute sicher, dass unsere kleine Kröte das gespürt hat und sich deswegen noch einmal zurück gezogen hat. Die Kontrolle im Krankenhaus verlief inzwischen super, der Kleinen ging es gut, keine Wehe in Sicht, Fruchtwasserpegel in Ordnung. Alles so wie man es sich wünschen konnte, nur meine eigene Motivation sank immer weiter. Also nahm Lena eine weitere Eipollösung vor, die dieses Mal aber irgendwie unangenehmer, ja sogar ein bisschen schmerzhaft war.

Damit fing alles an… ich traf mich zwar noch mit einer Freundin, nahm sie aber direkt mit nach Hause zum Zimtschnecken essen, weil es mir wirklich überhaupt gar nicht gut ging. Zimtschnecken halfen nicht und als mein Freund mit unserer großen Erbse nach Hause kam, drängte ich meine Mutter ziemlich schnell dazu doch mit ihr auf den Spielplatz zu gehen. Meine Mama war nämlich extra aus Süddeutschland angereist, um uns zu unterstützen und im Fall der Fälle auf die große Schwester aufzupassen. Eine verstrichene Woche voller Fehlalarme hat sie allerdings so sehr desillusioniert, dass sie die Dringlichkeit dieser Situation beim besten Willen nicht wahrnahm. Als sie dann ENDLICH so weit fertig war, dass sie zusammen mit der Kleinen die Wohnung verlassen konnte, hatte ich auch schon die erste richtig fiese Wehe und einen Blasensprung. Und keine fünf Minuten später die zweite, und wieder fünf Minuten später die dritte. Wurde also nichts aus „Abstände messen und gemütlich zur Klinik fahren“, aber immerhin (und dafür danke ich dem Himmel bis heute) musste nicht künstlich eingeleitet werden.

„Es zeigt mir, dass wie trotz all dem Stress, den wir manchmal so mit uns herum- und zwischen uns austragen, inzwischen ein richtig gutes Team geworden sind.“

In der Klinik wartete Lena auch schon auf uns, in einem Kreissaal, den sie schon vorbereitet hatte und ohne eine Funken Schlaf abbekommen zu haben. Zu dem Zeitpunkt war sie seit bestimmt 30 Stunden wach, aber nichts davon konnte man ihr anmerken. Vielleicht konnte auch nur ich es ihr nicht anmerken, denn immerhin hatte ich irgendwie anderes zu tun. Die Wehen kamen noch immer in einer krassen Regelmäßigkeit, aber ich suchte mir immer wieder neue Positionen, die mir halfen sie auszuhalten. Ich tat das einfach komplett intuitiv und mein Freund passte seine Position daraufhin immer wieder an. Dass er in diesem Moment genau an den richtigen Orten stand, genau die richtigen Berührungen machte, treibt mir heute noch die Tränen in die Augen. Es zeigt mir, dass wir trotz all dem Stress, den wir manchmal so mit uns herum- und zwischen uns austragen, inzwischen ein richtig gutes Team geworden sind. Das ging dann auch eine ganze Weile so weiter, der Muttermund öffnete sich stetig und als Lena feststellte, dass er nun schon 5-6cm geöffnet sei, tat ich den größten Fehler dieser Geburt: ich sah auf die Uhr. 20 Uhr stand da… oder irgendwie etwas in dieser Größenordnung. Mein Gehirn ratterte. „20 Uhr… das bedeutet, dass ich das hier seit knapp 3 Stunden durchhalte. WHAT?! 3 Stunden und erst die Hälfte geschafft?!“

All meine Motivation, all meine Kraft war mit einem Mal dahin. Ich wimmerte nur noch und wusste, dass ich nun nicht mehr dazu in der Lage wäre so weiter zu machen. Also bat ich Lena um eine PDA, die sie mir nach kurzen Verhandlungen auch besrogte. (Die Verhandlungen liefen übrigens in etwa so ab: „Wir machen das so: fünf Wehen noch und dann schauen wir nochmal, ja?“ – „Mhh… vier!“ – „Ok“ – „AHHH! LENA ES TUT SO WEH, KEINE VIER WEHEN MEHR, JETZT SOFORT!“) Eigentlich sollte es noch 40 Minuten dauern, bis das Anästhesie-Team zu uns kommen könnte, glücklicherweise waren sie dann aber doch schon nach 10 Minuten da und verschafften mir die so dringend benötigte Erleichterung.

„Ich habe es weit gebracht, ich alleine habe die Wehen ausgehalten, mir Positionen gesucht und die Geburt bis zu diesem Punkt gebracht.“

Ursprünglich wollte ich eine PDA vermeiden und man könnte meinen ich sei darüber ein wenig enttäuscht, aber nein, das bin ich nicht. Kein bisschen. Ich habe diese Entscheidung für mich getroffen, ganz bewusst, weil ich mich kenne und wusste, dass der Punkt erreicht war, an dem ich nicht ohne weiter machen konnte. Ich habe es weit gebracht, ich alleine habe die Wehen ausgehalten, mir Postionen gesucht und die Geburt bis zu diesem Punkt gebracht. Darauf bin ich enorm stolz und die Tatsache, dass ich ab diesem Punkt nicht mehr ohne die PDA weitermachen konnte/wollte, ändert daran nichts.

Nachdem die Betäubung angeschlagen hatte, kamen wir alle ein wenig zur Ruhe. Mein Freund und Lena gönnten sich Kaffee, ich mir einen Tee und während ich mich alle zehn Minuten von der linken auf die rechte Seite drehte, um es dem Köpfchen des Kindes einfacher zu machen, quatschten wir über Gott und die Welt im allgemeinen und Lenas außergewöhnlichste Geburten im Speziellen. Nach gut einer Stunde spürte ich dann, dass sich die Wehen, die nun nur noch einem dumpfen Druck glichen, veränderten. Der Drang zu pressen wurde immer größer, also bat ich Lena einmal nachzusehen. Und siehe da… der Muttermund war komplett geöffnet und die Pressphase eingeleitet. Keine 30 Minuten später war sie dann auf der Welt: unsere zauberhafte, herrlich duftende, unendlich kleine und süße zweite Tochter.

Die nächsten beiden Stunden nutzten wir um anzukommen, zu stillen und die Strapazen der Geburt von uns zu waschen. Wir tankten Kraft beieinander und machten die kleine Zaubermaus bereit für den Heimweg, denn wir wollten sie unbedingt ihrer großen Schwester vorstellen. am 15.7. um 3 Uhr verließen wir das Krankenhaus in eine milde Kreuzberger Nacht. Der Mond stand groß am Himmel, direkt neben dem Fernsehturm und wurde ab und an von dunklen lila farbenen Wolken verdeckt. Es war wirklich eine magische Nacht und als solche wird sie uns auf Ewig in Erinnerung bleiben.

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