Das Ding mit den Geschlechtern

Eines der absoluten Lieblingswörter meiner Tochter ist „Bagger“. Schon seit einer ganzen Weile üben diese Fahrzeuge eine unheimliche Faszination auf sie aus. Vor ein paar Wochen war in ihrer Welt zwar noch alles, was so auf einer Baustelle rumstand oder orange war, ein „Bagger“ inzwischen kann sie allerdings auch „Planierraupe“ sagen und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir bald sämtliche Baustellenfahrzeuge voneinander unterscheiden können. Diese Vorlieben, der fehlende Haarwuchs und mein Hang zu gedeckten Farben sorgen häufig dafür, dass sie konsequent und trotz mehrmaligen Namenserwähnungen für einen Jungen gehalten wird.

Nun zeichnet sich Johanna in meinen Augen natürlich nicht durch ihr Geschlecht aus und von daher ist es mir völlig schnuppe, wenn es zu solchen Verwechslungen kommt, allerdings hat es mich doch irgendwie nachdenklich gemacht. Sobald ich aufkläre, dass der vermeintlich männliche Spielpartner ein Mädchen ist, entschuldigt sich das Gegenüber meist blumig und wortreich und hat mindestens eine Anekdote von der Geschlechterverwechslung des eigenen Kindes parat. Vor Kurzem habe ich irgendwo gelesen, dass es für uns sehr schwierig ist, das Geschlecht des Gegenübers nicht zu kennen, da dieses Unwissen zwangsläufig eine Unsicherheit in uns hervorriefe… aber gilt das wirklich und tatsächlich auch für Kinder?

Das Geschlecht des eigenen Kindes beschäftigt Eltern meist schon ab dem Zeitpunkt, an dem man es feststellen kann. Sobald es medizinisch möglich ist, wollen die meisten Eltern, die ich kenne, auch wissen was es denn nun wird. Davon schließe ich mich selbst nicht aus. Und weiß man das erst einmal, kann das muntere Gendershopping auch schon beginnen. Gerade für Neugeborene (bei denen man ja nun beim besten Willen auf den ersten Blick nicht sieht, ob es nun ein Junge oder Mädchen ist) reicht die klassische Farbpalette gerade einmal von rosa über hellblau bis zu hellen Grau-, Grün- oder Gelbtönen für die ganz exotischen Eltern unter uns. Für Mädchen gibt es Schleifen an Gummibändern, für Jungs Traktoren auf dem Strampler. Sind die ersten motorischen Fähigkeiten erst einmal entwickelt, werden die Pastelltöne einfach kräftiger und Pink und Blau bestimmen die Spielzeugwelt der Kleinen.

In meiner ersten Schwangerschaft hatte ich absolute Rosa-Sperre und das Glück in einem Berlin-Kreuzberger Mikrokosmos zu leben, in dem das Alternativ-Angebot ziemlich reichhaltig war. Mit Johanna wuchs auch meine eigene Farbpalette und inzwischen ist Rosa in ihrem Kleiderschrank genauso zu finden wie senfgelb, grau, blau und jede andere Farbe auch. Niemals haben wir Johanna bewusst das Gefühl gegeben sie sollte sich für eine bestimmte Richtung interessieren. Wir weisen sie auf Bagger mindestens genauso oft hin wie auf hübsche Kleidung und das ganz ohne irgendwelche Gender-Hintergedanken. Trotzdem muss ich ehrlicherweise zugeben ein wenig stolz darauf zu sein, dass sich unsere Tochter neben ihrer Puppe auch für Dinosaurier und Bagger interessiert. Ein Gefühl, das ich regelmäßig sehr kritisch reflektiere. Erstens, weil es bedeutet, dass auch ich Dinosaurier und Bagger eher mit männlichen Attributen verknüpfe und somit dem Gender-Wahnsinn ja unterbewusst zustimme. Zweitens, weil dieser Stolz für mich schon ein erstes Anzeichen des weiblichen Umgangs mit der Gender-Gap verdeutlicht. Entwickelt ein Mädchen eine Vorliebe für männlich besetzte Spielzeuge oder Verhaltensweisen, ist das zumindest in meinem Umfeld nichts, das mit Kopfschütteln quittiert wird. Ich habe sogar tatsächlich das Gefühl, dass es eher Bewunderung hervorruft, so nach dem Motto „ach wenn sie jetzt schon solche Jungssachen gut findet, wird sie sich später mal richtig gut behaupten können“. Ganz so als ob klassische Mädcheninteressen dem im Weg stehen würden. Es scheint auch in meinem weltoffenen Kreuzberger Mikrokosmos noch immer so zu sein, dass klassisch männliche Eigenschaften und Verhaltensweisen mit Stärke und Erfolg, weibliche hingegen mit Weichheit und irgendwie auch Schwäche assoziiert werden. Vielleicht ist das auch der Grund, weswegen ich auf den Spielplätzen in der Umgebung zwar viele Mädchen sehe, die ebenso wie Johanna Spielzeugautos haben und Blautöne tragen, aber wenige Jungs mit Haargummis oder Nagellack in rosa. Vielleicht ist es für mich einfach leichter in meiner Tochter nicht das Mädchen Johanna, sondern den Menschen zu sehen, eben weil sie ein Mädchen ist und die Gesellschaft gefühlt applaudiert, wenn sich ein Mädchen ganz leicht und spielerisch in einer vermeintlichen Männerwelt bewegen kann.

Wie seht ihr das Ganze denn? Fällt euch ein Unterschied zwischen den Geschlechtern bei Kindern auf? Behandelt ihr eure Jungs anders als andere ihre Mädchen? Gibt es ein Alter, an dem sich die Kinder entscheiden nun Mädchen oder Junge sein zu wollen? Und wenn ja, wie geht ihr damit um? Hinterlasst mir gerne eure Meinungen und Beobachtungen!

 

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